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Dezember 18, 2011

Kapitel 2. Herzinterpunktion [Auszug 4]

Um uns herum schwirren lauter Menschenstimmen. Es ist eine angenehme Mischung aus in der Luft zirkulierenden, umherwirbelnden Stimmen, die zu einem großen Ganzen zusammenschmelzen. Dem Klang der Menschen. Manchmal befinde ich inmitten dieser Klänge und merke garnicht, dass ich ihnen unbewusst schon die ganze Zeit gelauscht habe. Es sind so viele verschiedene, laute, leise, krächzende, piepsende, murrende, liebliche Tonarten die durch meine Ohren säuseln und mich Anteil haben lassen an den Klangwesen überall um mich herum. Egal welcher Art Menschen sich dieses Orchester der hundert Stimmen bedient, ab einem gewissen Punkt ist es ausgeglichen und scheint nur noch aus reinster Harmonie zu bestehen. So als würde man eine Vielzahl von Klavieren in einer Reihe aufstellen und auf ihnen allen das gleiche Stück spielen. Sollten zwei oder drei von ihnen nicht richtig gestimmt sein, würden sie in der Menge nicht mehr auffallen. Ihre Dissonanz würde von der Harmonie der übrigen Flügel aufgefangen. In ähnlicher Weise verschwinden krakelende Stimmchen im Schutzmantel überwiegend fröhlich gelaunter Wesen. Es ist fast so, als spiele dieses Orchester auf Frequenzen, die für das menschliche Gehör garnicht mehr wahrnehmbar sind und besänftigen einen so, ohne dass man einen einzigen Laut vernehmen würde. Eine kollektive, stille Übereinkunft unter den hier Anwesenden, welche Töne heute gespielt werden sollen. Und so lauschen scheinbar alle diesem inneren Klang. Auch Elana und ich lausche mit ihr. Ich kenne keinen Klang hier besser, als den ihren. Er ist von allen hier der beruhigenste. Eine Stille, die ich sehr mag. Bei den meisten Menschen kenne ich diese Art von Klang garnicht. Wenn ich manches Menschen Stille lausche, dann ist sie mir viel zu laut. Bei Elana kann ich einfach nur diese Stille sein. Mit ihr sein. Aber dennoch scheint sie diese Stille manchmal selber nicht wahrzunehmen. Es ist als hätte sie ein wenig Angst davor. Nicht so sehr vor der Stille, eher noch vor dieser gewissen Art Dominanz, die diese Stille mit sich bringt. Vielleicht spürt sie, wie ich, dass jedem lauten Wort, jedem harschen Ton nicht viel mehr übrig bleibt, als sich dieser unendlichen Gelassenheit zu ergeben, wenn es dann zu einer Begegnung kommt zwischen zischenden Zungen und flüsterleiser Seelenruhe. Es ist als würde ihre Stille meine verstärken und wenn wir uns beide einfach nur anschweigen, haben wir uns schon mehr gesagt, als andere mit tausend Worten einander beibringen könnten.

 

Wir waten weiter durch das Meer der lauten und der leiseren Töne. Während des Spazierens steigt uns der Duft der Lagerfeuer in die Nase. Es scheint, als würde ein spezielles Holz für den Grill verwendet, unbestimmbar der Geruch, aber sehr angenehm. Unweit der Feuerstelle ist ein charmanter kleiner Stand, an dem heliumbefüllte Luftballons mit bunten Tierköpfen angeboten werden. Dort stampft ein Kind wie wild auf den Boden und fängt an zu weinen, weil es nicht den Luftballon bekommen hat, den es wollte. Wir finden uns inmitten eines Indianerdorfes wieder. Die Leute an den Souvenirständen sind alle in einen hellen, erdigen Braunton gehüllt. Die Frauen haben die Haare zusammengebunden und schmückende Federn im Haar. Alle Sinne sind damit beschäftigt das rege Treiben um uns herum zu erfassen, die Gerüche, die Stimmen, die Bewegungen und die Situationen, die sich aus dem ganzen Gemisch ergeben. Und dann in einem kurzen Augenblick trifft sich mein Handrücken mit dem Elanas. Die Bewegungen der Hände, die unsere Schritte begleiten, halten für eine kurze Sekunde gleichzeitig am Umkehrpunkt an. Der Punkt, an dem die Hand den vordersten Punkt ihrer mitschwingenden Bewegung erreicht hat und wo es sie wieder in die entgegengesetzte Richtung zieht. An jedem anderem Punkt dieser Bewegung wäre aus jedweder Berührung nur ein unmerkliches Streifen geworden. Eine unbemerkenswerte Kollision von Hautpartien, die sich nicht weiter darum zum kümmern scheinen. So wie man an allen Menschen tagtäglich vorbeistreift, ohne wirklich zu merken, dass sie da sind, ohne dass einem etwas an ihnen aufgefallen wäre. Aber an eben diesem einen Punkt fällt man auf seltsame Weise aus der Unachtsamkeit heraus und begegnet der Aufmerksamkeit. Aus dem Streifen wird ein Innehalten und obwohl es nur den Bruchteil einer Sekunde dauert, hat man dieses Mal alles genauestens mitbekommen. Man hat gemerkt, dass man gespürt hat. Das ist der kleine Unterschied. So als wäre es Absicht gewesen, ohne es zu beabsichtigen. Wo sind diese eigenartigen Punkte im täglichen Leben? Diese müssen irgendwo zwischen Zeit und Raum liegen, wenn man sie auf beiden Ebenen nicht wirklich ausmachen kann. Ungreifbar sind sie vielmehr einfach da und scheinen Gefallen daran zu finden, uns zu verwundern. Zwischenraumzeitpunkte. So könnte man sie nennen, obwohl das etwas kompliziert klingt und es der Unbeschwertheit dieser Sekunde nicht gerecht wird. Wie wäre es stattdessen mit Solllaneckstellen? Das klingt auch so kantig und und ungeschliffen, fast schon halsbrecherisch. Herzinterpunktion? Ein Zeichen setzen in einem unaussprechlichen Satz. Wohl zu abstrakt. Mir wird sicher noch ein passender Begriff einfallen, wenn ich´s denn in ein Buch schreiben wollte, in etwa so, dass der Leser beim lesen des Begriffs ein herzliches Schmunzeln über die Lippen fährt und er sich denkt: „Ja, so könnte man es tatsächlich nennen. Ich bin einverstanden“. Aber zu einer erfolgsgekrönten Autorenkarriere werde ich es vermutlich eh nicht bringen, also muss ich mir darüber nicht weiter den Kopf zerbrechen. Ich würde den Leser vielleicht sogar noch eine Multiple-Choice-Auswahl ausgefallener Begrifflichkeiten anbieten, so dass er selber entscheiden kann, welcher Ausdruck ihm am besten gefällt. Eine Art Interaktivität so von Autor zum Publikum und das in einem vorgefertigten Text. Es wäre famos. Ich stelle mir die grinsenden Gesichter der Leute bildlich vor. Ein herrliches Bild. Sie würden es mögen.

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